Süddeutsche Zeitung, 9.3.2001



Eine Ausstellung zu Kunst und Wissenschaft in der lothringer 13

Womöglich erschienen sie ihren Mitmenschen seinerzeit als die wahren Ausserirdischen: Viele Wissenschaftler und Forscher der späten fünfziger Jahre drohten mit ihren futuristischen Thesen geistig in die Fantasten-Sphäre von Raumschiff Orion katapultiert zu werden. Nicht zuletzt an die Wirtschaftswunder-Pionierjahre der Weltraumforschung gemahnt der Münchner Komponist, Musiker und DJ Kalle Laar, wenn er nun alt-ehrwurdige Vorträge aus "Stimme der Wissenschaft" mit Satellitengeräuschen und 0-Tönen aus Science-Fiction-Filmen zu einer Soundcollage montiert.
Dies aus gegebenem Anlass: Schließlich steht die 12. Internationale Frühjahrsbuchmesse in München unter dem ehrgeizigen Motto "Kunst und Wissenschaft". Das Rahmenprogramm mit der angeblichen "Schnittstelle" zur bildenden Kunst, zu dem unter anderem auch Kalle Laars Klanginstallation gehört, wurde in die lothringer 13 / halle verlagert (Eröffnung heute um 19 Uhr).
"Science meets fiction. Satelliten, Wissenschaftler, Ufos senden, reden, tönen, träumen", raunt KalleLaar. Der ideellen Gleichschaltung zwischen intergalaktischem Nonsens und diszipliniertem Forschertum scheinen keine irdischen Grenzen mehr gesetzt.
Wo ein politischer Wille ist, da gibt es sicher auch einen Weg, der Medientheorie und -technologie neue gemeinsame Spielplätze zu öffnen. Das noch relativ junge Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) liefert hierfür das beste Beispiel. Margrit Rosen zeichnet als württembergische Abgesandte des ZKM für die Auswahl der Künstler verantwortlich. Die meisten der neuen selbsternannten "Experimentalkünstler" sind nach 1970 geboren, studieren noch und legen ein recht ungezwungenes, um nicht zu sagen frivoles Verhältnis zu den heffigen Wahrheiten der Naturwissenschaften an den Tag. Das Duo Wolfgang Käppner und Fa-bian Winkler etwa lädt die Besucher ein, sich ihren individuellen Dufteocktail an eigens installierten Aroma-Terminals zu mixen. Ein Spaßverderber' wer sein Aromapsychogramm im Anschluss nicht von einem "bionischen Rüssel" beschnuppern und analysieren lässt. Ausgesprochenen Laborcharakter ha-ben auch die anderen vorgestellten Beiträge: Zukunftssehertsch widmet sich Roseline Rannoch in ihrer "Kristallogie" der Erforschung und Aufzucht von Kristallen. Selbstredend hat man es hier weniger mit einem echten faustischen Verlangen als mit einem pseudowissenschaftlichen Anschlag auf die Hermetik der Naturwissenschaften zu tun. In den so genannten "Iterationen 1, 4 und 7" sucht Thorsten Hallscheidt die Übergänge zwischen den realen Bildern und den Videobildern wie in einem Vexierrätsel auszusteuern. Dorcas Müller bemüht schließlich Nietzsches Zarathustra-Appell ". .. Lieber nichts wissen, als vieles halb wissen!" für filmische Arbeiten zu den Blutegel-Experimenten. Am Max-Planck-lnstitut werden die putzigen Blutsauger übrigens zur Entwicklung von Neurochips eingesetzt.
Das Begleitprogramm zur Ausstellung wiederum trägt sichtlich die Handschrift von Kalle Laar. Mit dem Klangcode "enter-orion-sunra-astronaut-ambient-laika-prise" beamt er am 16. März die Besucher zur "Space Night" (22.30 Uhr). Zuvor, um 21 Uhr, kommt es zu einer unheimlichen Begegnung mit den angeblich ebenso knallharten wie empfindsamen "Space Girls". Hat man deren "Clinch mit altbekannten und neuen Aliens" gut verkraftet, so können einem auch die vor dem Stummfilmklassiker "Metropolis" ausgetragenen "archetypischen Konflikte" des Performers Michael Farin am nächsten Tag nichts mehr anhaben (17. März, 22 Uhr). Zum krönenden Abschluss gibt es am 19. März (20 Uhr) schließlich einen medienketzerischen Vortrag des Amerikaners Clifford Still. Das Internet ist dem vormaligen Netz-Afficionado und Hacker-Jäger nichts als eine Wüste, aus der man sich besser heute als morgen wieder ausloggt.
Birgit Sonna